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Beten als Hausfriedensbruch!

von Klaus-Peter Schleisiek, Aachen

Eine Nonne, die Solidarität mit den Opfern der Verarmung übt, suchte die Verursacher mit Gewissensappellen heim.

Die Deutsche Bank in Köln rief die Polizei und erstattete Strafanzeige gegen die Nonne und andere Aktivisten von der Initiative "Ordensleute für den Frieden", als diese in ihren Geschäftsräumen eine Andacht für die Opfer der Verarmung abhielten. Der mit der Strafsache im April 2000 befaßte Richter zeigt zunächst viel Verständnis für das Anliegen, nämlich das Phänomen samt Ursache anzuprangern, daß der Reichtum einer Minderheit rasant zunimmt auf Kosten der ärmeren Mehrheit. Klar: Dies ist ungerecht, und im Konflikt mit dem Grundgesetz steht es auch. Der Protest dagegen spricht dem Richter sozusagen aus dem Herzen.

Aber! Daran ändern wir nichts, er nicht (merken wir) und die angeklagte Nonne auch nicht (glaubt er). Die erklärt ihm, daß die bisherigen Proteste im straffreien Raum so wenig gestört haben, daß sie wirkungslos verhallt sind. Darum nun diese Andacht in den Geschäftsräumen der Bank, wo die Zinseszinsen als Motor der Vermögenshäufung die tägliche Praxis sind.

Aber da hört das Verständnis des Richters auf. So berechtigt das Anliegen der Demonstrantin auch ist, und so gerinfügig die damit angerichtete geschäftliche Störung - er sieht sich außer Stande, beides gegen einander abzuwägen und das Verfahren womöglich einzustellen. Und so muß er denn eine Strafe für den Bankhaus-Friedensbruch verhängen. Der Kölner Richter verdoppelt sogar den angefochteten Strafbefehl auf 400 Mark!

Einen Monat später in Bonn soll ein anderer Richter über eine Geldbuße entscheiden, wegen Verletzung der Bannmeile. Das Kanzleramt war gestört worden durch ein Spruchband von der Straße mit dem Text "Weil wenige reich sind, sind so viele arm." Angeklagt ist wieder die Schwester Monika-Maria vom Orden der kleinen Schwestern Jesu. Die Schwester berichtet von ihrem Einsatz in den Slums von Haiti mit verhungerten Kindern, aber auch von ihrer Ausbeutung als Bäckereiketten-Verkäuferin und ihren Putzkolonnen-Erfahrungen. Der Richter ist sichtlich gerührt und zeigt größtes Verständnis, teilt auch die Ansicht, daß durch die herbeigeführte Armut die Menschenwürde und das Grundgesetz verletzt sind. Er nimmt sich viel Zeit und stimmt allem zu - bis zu dem Punkt, daß aber diese Bannmeile eben nicht verletzt werden dürfe. Er bestätigt die Geldbuße.

Der zivilcouragiert angeprangerte Spaltpilz der Gesellschaft, die zunehmend beschleunigte Verschiebung der Vermögen von Arm zu Reich, steht zweifellos im Konflikt mit dem Auftrag des Grundgesetzes, der Eigentum zu gemeinnützigem Gebrauch verpflichtet. In der Pflicht sind Parlament und Regierung, aber die nutzen ihre Mittel, um sich entsprechende Erinnerungen in ignorierbarem Abstand zu halten. Von der dritten Gewalt, der Justiz, ist- wie beschrieben - keine Unterstützung zu erhalten, im Gegenteil. Hilfe kommt nur von den Medien, der vierten Gewalt. Es bleiben wirklich nur das Beten und die Bitte an den Souverän - das Volk-, dieses Anliegen der Gerechtigkeit und des Friedens zu unterstützen.

Informationen erhältlich bei Pater G. Böckermann, Tel. 069/71376982, Fax 069/71376986

Klaus-Peter Schleisiek, Aachen

PS: "Die Nonne", ja es ist wirklich Schwester Monika, die das Ökumenische Netz in lieber Erinnerung hat!

Netz-Info, September 2000
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