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"Wo ist Dein Bruder?"

von Jutta Boysen

Am Freitag begleitete Pfarrer Dr. Fidon Mwombeki von der tansanischen Koalition für Schuldenerlass und Entwicklung (TCDD) die Pilger. In einer Andacht in den Isar-Auen gab er den Pilgernden für die anschließende Schweigezeit folgendes zu bedenken:

"Letztes Jahr bei der Menschenkette zum Weltwirtschaftsgipfel in Köln staunte ich darüber, wie viele Menschen zusammengekommen waren, um einen Schuldenerlass für die armen Länder zu fordern. Ich fragte mich, was Menschen bewegt, sich für andere Menschen, die sie gar nicht kennen, einzusetzen. Jetzt bin ich hier auf diesem ungewöhnlichen Weg mit euch unterwegs und diese Frage bewegt mich wieder. Warum nehmt ihr diese Mühen auf euch für euch ganz fremde Menschen?

Als ich nun gefragt wurde, euch ein biblisches Wort auf den Weg mitzugeben, fiel mir folgender Vers ein:

"Da sprach der Herr zu Kain: 'Wo ist Dein Bruder Abel?' Er sprach: 'Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?'" (1. Mose 4, 9)

Wir wissen, warum Kain so reagierte, er hatte ja gerade seinen Bruder erschlagen. Ihr aber habt euch entschieden, zu wissen, wo Euer Bruder oder eure Schwester ist. Euch sind Menschen in Hunger und Not nicht gleichgültig, ihr erhebt eure Stimme gegen Ungerechtigkeiten, auch wenn sie nicht euch selber betreffen. Wenn wir die globalen Entwicklungen betrachten, haben wir manchmal den Eindruck, dass sich nicht viel ändert durch unser Mahnen. Aber ich sage euch: Verzagt nicht! Euer Engagement hat etwas bewirkt! Gestern habe ich mit einem Vertreter der Weltbank gesprochen und mit einem Mitarbeiter aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Einstellung in diesen Institutionen uns gegenüber hat sich geändert. Wir im Süden werden gefragt, was wir für die Entwicklung in unseren Ländern brauchen. Die Programme werden nicht mehr am grünen Tisch bei der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds festgelegt. Wir werden wahrgenommen, wir werden ernst genommen.

Das wäre nicht möglich, wenn nicht ihr eure Stimme erhoben hättet und für uns vor diesen Institutionen gestritten hättet. Gott hat uns beauftragt zu wissen, wo unser Bruder ist und wie es ihm geht. Gebt nicht auf - gemeinsam können wir mehr Gerechtigkeit in Nord und Süd bewirken."

Jutta Boysen

Netz-Info, September 2000
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