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Ein paar Anmerkungen zum Begriff "deutsche Leitkultur"

von Gudrun Schneeweiß

Vom Ursprung und der Geschichte der Wörter (Etymologie):

1. "deutsch": Im Gegensatz zu anderen Bezeichnungen dieser Art ist das Wort deutsch nicht von einem Volks- oder Stammesnamen abgeleitet, sondern geht auf ein altes Substantiv der Bedeutung "Volk, Stamm" zurück. Das Adjektiv mhd. (mittelhochdeutsch) diut(i)sch, tiu(t)sch, ahd. (althochdeutsch) diutisc, niederländisch duitsch "deutsch" ist seit dem 10. Jahrhundert bezeugt und steht neben einem ähnlich gebildeten, schon im 8. Jahrhundert belegten mlat. theodiscus "zum Volk gehörig, volksgemäß" (mlat. 'theodisca lingua' war die amtliche Bezeichnung der altfränischen Volkssprache im Reich Karls d.Gr.). Die beiden Adjektive sind mit Hilfe des Suffixes -isc (nhd. -isch) zu dem später untergegangenen gemeingermanischen Substantiv mhd. diet, ahd. diot(a) "Volk" gebildet, das auch im ersten Glied in germanischen Personennamen wie Dietrich, Dietmar, Dietlind usw. erscheint. ... Das Verhältnis von mlat. theodiscus zu ahd. diutisc ist im einzelnen umstritten. Auf jeden Fall aber spiegelt sich in der Geschichte des Wortes ‚deutsch' die Herausbildung des deutschen Sprach- und Volksbewußtseins gegenüber den romanischen und romanisierten Teilen der Bevölkerung im Frankenreich und gegenüber dem Lateinischen. In der Auseinandersetzung zwischen West- und Ostfranken ist das Wort ‚deutsch' zur Gesamtbezeichnung der Stammessprachen im Osten des Frankenreichs, dem späteren Deutschland, geworden.

2. "leiten": Das altgermanische Verb mhd. leiten, ahd. leit(t)an, niederländisch leiden, englisch to lead, schwedisch leda ist mit leiden (ursprünglich "gehen, fahren") verwandt. Es bedeutet demnach eigentlich "gehen, fahren machen".

3. "Kultur": Das seit dem 17. Jahrhundert bezeugte, aus lateinisch cultura "Landbau; Pflege (des Körpers und des Geistes)" entlehnte Substantiv gilt von Anfang an in zweifachem Sinn von "Felderbau, Bodenbewirtschaftung"("Bodenkultur") einerseits und "Pflege der geistigen Güter" (Geisteskultur). An die aus der letzteren Bedeutung erwachsene allgemeine Stellung des Begriffes Kultur als der Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen (einer Gemeinschaft, eines Volkes) schließen sich zahlreiche Zusammensetzungen an.

... und was daraus folgt:

Nun, "Zusammensetzungen" hatten bisher immer "Kultur" als Bestimmungswort, wie "Kulturpolitik" oder "Kulturetat", niemand "leitete" die Kultur, sie leitete vielmehr das Leben, oder sollte es wenigstens, denn ihr war die "Pflege der geistigen Güter" anvertraut, sie sollte dem Menschen auf die Sprünge helfen, ein besserer Mensch zu sein.

Was macht aber den in die p o l i t i s c h e Debatte geworfenenen Begriff "deutsche Leitkultur" so unerträglich?

Bei diesem Begriff wird postuliert, daß unsere Politiker genau wissen, einmal, was "Kultur" ist, zum andern, daß ihnen selbstverständlich auch darin die Führungsrolle zukommt. Des weiteren suggeriert dieser Begriff, daß "deutsch" besser ist als z.B. "englisch" oder "türkisch" oder ... und ruft fatale Erinnerung an längst überwunden geglaubte Einstellungen wie "An deutschem Wesen soll die Welt genesen" wach.

Wenn dieses Wort eine Entwicklung im Weltbild des deutschen Bürgers widerspiegeln sollte, braucht sich niemand mehr über rechtsradikale Umtriebe und Gewalt gegen Ausländer und Schwache wundern, denn in der deutschen Sprache liegt ja die Betonung normalerweise auf dem ersten Begriff eines zusammengesetzten Wortes ... , also hört man erst einmal "deutsch", dann "L e i t -....Kultur". Daraus ergibt sich eine unselige Verbindung mit "leiten" = "führen", und wer "führt", kann in diesem "Führungsgebiet" mehr als die anderen ... Daß von hier aus nur ein kleiner Schritt zu den Begriffen "Herrenrasse" und "Herrenmensch" ist, liegt auf der Hand. Ja, eine unselige Vergangenheit läßt grüßen!

Erasmus von Rotterdam hatte eben doch recht, als er im 16. Jahrhundert - auf Lateinisch als der damaligen Weltsprache - formulierte:

"Aliud sceptrum, aliud plectrum", was auf Deutsch heißt: "Etwas anderes ist das Szepter, etwas anderes die Leier" oder "Von Kultur verstehen die Politiker nichts", oder allgemeingültig: "Kultur läßt sich nicht leiten, will sie nicht leiden."

Betrachtet "mensch" den Begriff "deutsche Leitkultur" unter christlichem und menschenrechtlichem Aspekt, stehen "mensch" erst recht die Haare zu Berge.

Gudrun Schneeweiß

Netz-Info, Dezember 2000
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