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Aus Deutschland vertrieben - in Argentinien "verschwunden"

Ein jüdisches Schicksal

von Kuno Hauck

Ellen Marx, nun fast achtzig Jahre alt, wurde mit 18 Jahren als Jüdin aus der Berliner Heimat vertrieben und später von den Nazis ausgebürgert. Seit 1939 wohnt sie in Buenos Aires, Argentinien. Sie mußte allein anfangen und hat als Kindermädchen gearbeitet. Ihre Familie, Mutter, Großvater, Onkel, Tanten wurden von den Nazis ermordet. Mit einem deutschen Juden aus Mainz gründete sie in Buenos Aires eine Familie. Mit 43 Jahren nahm sie wieder die deutsche Staatsangehörigkeit an.

55-jährig verlor sie die Tochter durch "Verschwinden" in den Fängen der argentinischen Militärjunta. 25 Jahre später, im Alter von fast 80 Jahren, legt sie Zeugnis davon vor der Nürnberg-Fürther Staatsanwaltschaft ab.

Am 28. Juni 1999 hat die "Koalition gegen Straflosigkeit" vom Nürnberger Menschenrechtszentrum beim Berliner Justizsenat 4 Strafanzeigen gegen argentinische Militärs der Jahre 1976-1983 wegen des "Verschwindenlassens" und der Ermordung von deutschstämmigen Juden eingereicht. Darunter der Fall von Leonor Gertrudis Marx, geb. am 21.06.1948 in Buenos Aires, Argentinien.

Als am 21. August 1976 die 28-jährige Tochter, eine Meteorologin nicht mehr nach Hause kam, suchte Ellen Marx bei allen Kommissariaten und Militärstellen. Doch die Mutter sah und hörte nie wieder etwas von ihrer Tochter. Leonor Gertrudis Marx gilt seitdem als "verschwunden". Sie sah zwar ihre Tochter nicht mehr, erfuhr aber von dem Zeugen Pites, daß ihre Tocher an diesem Tag gemeinsam mit anderen in einer Werkstatt verhaftet und in das nahe gelegene 42. Kommissariat im Stadtteil Mataderos gebracht worden sei. Dort verliert sich ihre Spur.

Im März 2000 beabsichtigte die Staatsanwaltschaft am Landgericht Nürnberg-Fürth die Verfahren wegen fehlender Zuständigkeit einzustellen.

Nach Überprüfung der Argumente der Rechtsanwälte der betroffenen deutsch-argentinischen Familienangehörigen ist nun die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis gekommen, vorerst weiter zu ermitteln. Diese Entscheidung hat bei den Angehörigen der Opfer große Freude und Erleichterung ausgelöst.

Die Entscheidung wurde von der "Koalition gegen Straflosigkeit" mit großer Genugtuung aufgenommen. "Damit ist ein schwarzer Tag für Deutschland, die deutsche Justiz und das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden in letzter Minute abgewendet worden", heißt es in einer Presseerklärung.

Offensichtlich hat die Argumentation des Berliner Rechtsanwalts Wolfgang Kaleck die Staatsanwaltschaft überzeugt: "In den Fällen der deutsch-jüdischen Opfer der argentinischen Militärdiktatur darf die für unwirksam erklärte Zwangsausbürgerung dieser Familien durch das Hitlerregime nicht dazu führen, dausgerechnet diese zweifachen Opfer von Diktaturen heute vom Schutz des deutschen Strafrechts auszuschließen."

Trotz dieses Etappensieges ist die Koalition weiterhin sehr besorgt wegen der schleppenden Ermittlungen in den 10 eingereichten Fällen. "Auch wenn wir eine Einstellung von vier Verfahren in letzter Minute verhindern konnten, müssen wir, die deutsche Justiz und die Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, daß wir im Begriff sind, den Wettlauf gegen die Zeit zu verlieren", mahnt Kuno Hauck, ein Sprecher der "Koalition gegen die Straflosigkeit".

Aus diesem Grunde wurde nun die Mutter, Frau Ellen Marx, von der "Koalition gegen die Straflosigkeit" auf eigene Kosten nach Deutschland zur Zeugenaussage eingeladen.

Ende Januar 2001 kam Frau Marx nach Nürnberg und konnte ihre Zeugenaussage vor der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth machen. Die Staatsanwälte waren von ihren Aussagen und denen anderer argentinischer Zeugen in ähnlich gelagerten Fällen überaus beeindruckt - ein Mensch überzeugt eben mehr als ein noch so großer Stapel Papier. Die "Koalition gegen die Straflosigkeit" und der Kirchliche Entwicklungsdienst der ELKiB erhoffen sich nun, daß der Durchbruch gelungen ist und noch in diesem Jahr die entsprechenden Strafverfahren eröffnet werden.

Das NETZ-Info wird weiter berichten.

Weitere Informationen sind zu finden unter http://menschenrechte.org

Kuno Hauck/ G.S.

Netz-Info, März 2001
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