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"In der Fremde - im Elend"

von Gudrun Schneeweiß

Jedes Jahr im September befaßt sich die deutsche Gesellschaft mit der Situation näher, in die alle nach Deutschland gekommenen Menschen gestellt sind. Dazu dient das Projekt der "Woche des ausländischen Mitbürgers".

Besonders brisant erscheint dieses Thema in diesem Jahr vor dem Hintergrund, daß ein Gesetzentwurf zur Zuwanderung gerade ins Parlament gebracht und verabschiedet werden soll. Er sieht Zuwanderung von Nichtdeutschen nach der Maßgabe der "Brauchbarkeit" und "Integrationsfähigkeit" vor. Das bedeutet u.a.: Die jeweilige Arbeitsmarktsituation bestimmt, ob ein Mensch nach Deutschland einwandern kann oder nicht. Zudem soll unter diesem "Nützlichkeitsaspekt" das geltende - schon reichlich restriktive - Asylrecht dahingehend verschärft werden, daß auch bei anerkannten Asylbewerbern alle zwei Jahre die Anerkennung erneut überprüft werden soll.

Deswegen befaßten wir uns im allmonatlichen Abendgebet des Ökumenischen Netzes in der Erlöserkirche in München-Schwabing mit "In der Fremde - im Elend".

Das Wort "fremd" bedeutete ursprünglich "entfernt", dann "unbekannt, unvertraut"; "elend" leitet sich aus dem mittelhochdeutschen "ellende" her, das "fremd, verbannt; unglücklich, jammervoll" heißt. "Der Ausschluß aus der Rechtsgemeinschaft des eigenen Volkes wird als schweres Unglück empfunden; so ist ‚elend' heute noch ein kräftiger Ausdruck", heißt es im Herkunftswörterbuch des Duden (S. 134) ... Das Substantiv ‚Elend' ist aus dem Adjektiv entstanden und wurde im Mittelalter mit "anderes Land, Verbannung, Not und Trübsal" gleichgesetzt.

Daß auch in der hebräischen Bibel diese Beschreibung zutrifft, zeigt sich in ihren Rechtsvorschriften: So steht in 2 Mose 22,20 "Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen." und in 2 Mose 23,9 "Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wißt doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen."

Auf dieser Grundlage müssen sich Christen in die gegenwärtige Debatte einmischen und tun dies auch. Sie finden zudem Hilfe in dem dem Gemeinsamen Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht: " ... und der Fremdling, der in deinen Toren ist." (erhältlich bei: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße, Bonn, bei der EKD in Hannover oder bei der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland, Frankfurt).

Darin heißt es z.B.:

"Nr. 146. ... Der anhaltende Zuwanderungsdruck hat zu Veränderungen und Beschränkungen in der Asylrechtspraxis geführt. Die Kirchen haben immer wieder betont, daß die grundsätzliche Gültigkeit des Grundrechts auf Asyl nicht gefährdet oder gar preisgegeben werden dürfe...

Nr. 158. Krieg und gewaltsame Konflikte in Herkunftsländern werden durch Waffenproduktion und Waffenhandel geschürt und verstärkt. In der Außen- und Sicherheitspolitik müssen mehr und mehr internationale statt nationale Interessen im Vordergrund stehen. ....

162. Europa darf sich nicht gegen die weitere Aufnahme von politisch Verfolgten und anderen Flüchtlingen sperren. Insbesondere darf es nicht zu einer Abschottung gegenüber Asylsuchenden dadurch kommen, daß ihnen aufgrund weiterer Dirttstaatenregelungen die Einreise in ein verfolgungsfreies Land unmöglich wird. Die Zuständigkeitsabkommen von Schengen und Dublin bedürfen der Ergänzung durch die Vereinbarung einheitlicher Standards für die Flüchtlingsanerkennung. Ziel der Harmonisierung muß ein möglichst optimaler Schutz von Flüchtlingen durch Flüchtlings- und Menschenrechte sein, nicht der kleinste gemeinsame Nenner auf der Basis rechtlich unverbindlicher Erklärungen.

Nr. 163. Deshalb sollten für ganz Europa ein Rechtsanspruch auf Asyl angestrebt und diejenigen Voraussetzungen für die Flüchtlingseigenschaft verbindlich festgelegt werden, die das Exekutivkomitee des UNHCR einhellig befürwortet hat."

Gudrun Schneeweiß

Netz-Info, Herbst 2001
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