zurück


"Für mich war das einfach Folter"

Gewalt in Genua - ein Interview

von Walther Schneeweiß

Drinnen saßen sie, die mächtigsten Regierungschefs der Welt. Geschützt in der "Roten Zone" von Genua, durch einen vier Meter hohen Metallzaun, 15000 Polizisten und Soldaten streng und weiträumig abgeschirmt. Knapp 200000 Menschen reisten in die italienische Stadt, um vom 19. bis 22. Juli 2001 gegen den Weltwirtschaftsgipfel zu protestieren. Unter ihnen: Achim, 31-jähriger Fahrzeugtechnik-Student aus München. er verdient sein Geld mit einem Pflegejob und arbeitet ehrenamtlich im "Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit".

Bei den Demonstrationen beim G8-Gipfel im Juni 2001 in Genua geriet er in die Razzia der Polizei im "Foro Sociale", wurde verhaftet und als letzter Münchner Demo-Teilnehmer erst drei Wochen später aus dem Gefängnis in Genua entlassen. Walther Schneeweiß sprach mit ihm nach seiner Rückkehr in München.

Netz-Info: Warum fährt man Hunderte von Kilometern nach Italien, um gegen einen Weltwirtschaftsgipfel zu protestieren?

Achim: Es gibt zwar eine Globalisierung der Gelder und Güter, aber nicht der Menschen: Ich war schon zweimal in Mexiko und habe die Armut vor Ort gesehen. Dort gibt es nach amerikanischen Vorbild schlichtweg rechtsfreie Räume, wo die Menschen ohne soziale Rechte buckeln und schuften müssen. Unser jetziges Wirtschaftssystem wird sich in Zukunft nur noch mit staatlicher Gewalt aufrecht erhalten. Und das paßt mir nicht.

Netz-Info: Meinst Du wirklich, daß sich die großen Staatschefs von solchen Protesten beeindrucken lassen?

Achim: Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, um Öffentlichkeit für bestimmte Themen zu schaffen. Dieses Mal war es ja auch so. Aber traurigerweise nur wegen irgendwelcher Gewalttaten. Es wurden jedenfalls auch Leute aufgerüttelt, die sich sonst nicht dafür interessieren.

Netz-Info: Betrachtest Du Dich dann als ein "Globalisierungsgegner"?

Achim: Den Begriff des "Kritikers" finde ich ein bißchen besser formuliert. Die wirklichen Globalisierungsgegner sind für mich die Staatenlenker, weil sie nur die wirtschaftliche und somit die halbe Globalisierung wünschen.

Netz-Info: Mit welchem Ziel bist Du nach Genua gefahren?

Achim: Über das Ökumenische Büro wußte ich von dem G8-Treffen und wollte mit meiner Freundin zusammen erst einmal nur hinfahren. Ich wollte genauso wie die meisten anderen Demonstranten erstmal nur Präsenz während des Wirtschaftsgipfels zeigen.

Netz-Info: Beim G8-Treffen in Seattle oder auch bei der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Prag ist es ja den Demonstranten gelungen, die Treffen effektiv zu behindern. In Seattle mußte der Gipfel sogar vorzeitig abgebrochen werden...

Achim: Ich wollte mich nicht direkt an "die Front" begeben - auch wenn ich da trotzdem dann gelandet bin. Ich verstehe mich überhaupt nicht als Straßenkämpfer, aber ich finde trotzdem solche Aktionsformen völlig richtig und verständlich.

Die Medien haben schon vorher versucht, die Gegendemonstranten in gewaltbereite und friedliche Menschen aufzuteilen. Doch: Die "Gewaltbereiten" waren nach wie vor die Polizei. Die wenigsten Demonstranten haben offensiv Gewalt gegen die Polizei ausgeübt. Meiner Meinung nach war das meistens eine Reaktion - von Einzelfällen mal abgesehen.

Netz-Info: Gab es auf der Reise nach Genua schon irgendwelche Vorkommnisse?

Achim: Ja, es gab einfach Streß: Wir wurden am Brenner kontrolliert, in der Grenzzone waren viele unangenehme Zivilpolizisten... und obwohl keiner von uns etwas getan hat und wir in völlig friedlichen Absichten nach Italien gefahren sind, kam ich mir schon auf der Reise wie ein Verfolgter vor. Nach einer Zeit war ich schon fast paranoid: Als wir in Sterzing zum Kaffe trinken gehen wollten und unser Bus mit dem Münchner Nummernschild vor der Tür stand, kamen sofort zwei Typen rein, die uns böse musterten und gleich zu telefonieren anfingen. Da sind wir dann lieber gefahren. Und so ging es uns die ganze Zeit.

Netz-Info: Wie sah es dann in Genua selbst aus?

Achim: Berlusconi hatte den Ausnahmezustand ausgerufen, es waren keine Läden offen und du hattest keine Möglichkeit, etwas zu essen zu kriegen. Die Einheimischen waren fast alle verreist und das war so schon eine komische Stimmung. Die letzten, die noch da waren, waren aber sehr hilfsbereit und nett und reichten immer Wasser raus. Hubschrauber kurvten die ganze Zeit über der total verrammelten Stadt, wo bereits eine Wolke von Tränengas hing.

Netz-Info: Hast Du Dir nicht gedacht: "Was mache ich hier eigentlich? Muß ich mir sowas antun?"

Achim: Das ging mir bereits am Brenner durch den Kopf. Doch ich dachte mir: Jetzt erst recht! Schließlich waren die ganzen Proteste öffentlich genehmigt. Was die Staatsseite jedoch nicht gehindert hat, trotzdem mit aller Härte da reinzuschlagen, wo nichts vorgefallen ist. Besser gesagt: Es wäre nicht viel vorgefallen, hätten sie nicht angegriffen.

Netz-Info: Inwiefern wurde denn vor Ort die Stimmung angeheizt?

Achim: Die große Demo am Samstag war erstmal nur ein großer Zug von 200000 Menschen und auch völlig friedlich. Doch an einer Ecke stand auf einmal eine große Einheit von Polizei mit Helmen, Schildern und Knüppeln, die auf einmal Tränengas in die Menge abfeuerten - unterstützt von Hubschraubern, die wirklich knapp über den Köpfen der Leute hinwegflogen. Das ganze war auf einer engen Straße, wo es zum Meer erstmal acht Meter steil hinunter ging. Auf diese Weise probierte die Polizei an drei Stellen, den Demonstrationszug zu trennen. Die Polizisten in den Hubschraubern taten mit ihren Fingern so, als würden sie auf die Leute schießen und trieben die ganze Zeit solch komische Scherze.

Netz-Info: Waren diese Polizeiaktionen kein bißchen verständlich?

Achim: Nein, da war überhaupt nichts einsichtig. Nachdem die Stimmung am Freitagabend schon ein bißchen angeheizt war, als der Demonstrant Carlo Giuliani von der Polizei erschossen wurde, hatte die Polizei das eher noch forciert. So kurvten sie auch die ganze Nacht über mit Hubschraubern und Suchscheinwerfern über der Stadt herum.

Netz-Info: Hattest Du Angst um Dein eigenes Leben, als Du von dem von der Polizei erschossenen Demonstranten hörtest?

Achim: Wir haben da schon überlegt, ob wir nicht wieder fahren sollen. Von dem ständigen Tränengaseinsatz waren wir aber so fertig, daß wir erst am Sonntag fahren konnten und wollten. Es gab ja in einer italienischen Zeitung davon eine sehr genaue Bilderserie und das hat diese Ausnahmezustands- oder Bürgerkriegsstimmung noch gesteigert. Mich hat die Erschießung ganz schön beschäftigt und ich fand das sehr erschreckend. Ich hatte dann erst recht das Gefühl, daß mir hier etwas passieren kann. Eigentlich bin ich ja nach Genua auch deswegen gefahren, um bei Aktionen mitzumachen, wo keine Kampfesstimmung herrscht. Doch das war dann dort durchwegs der Fall.

Netz-Info: Was waren denn Deiner Meinung nach die Ziele dieses Polizeieinsatzes?

Achim: Ich habe mir darüber jetzt im Nachhinein lange Gedanken gemacht und bin zu dem Schluß gekommen: Die ganzen Aktionen waren eindeutig gezielt. Das war der gezielte Versuch, allen Demonstranten zu zeigen, daß sie ihres Lebens nicht sicher sind - egal, ob das christliche oder Friedensgruppen waren und wie sie sich verhalten haben. Egal, ob sie nur ihre Meinung äußern wollten. Es wurde ja auch in Genua selbst kaum jemand verhaftet, sondern es wurden erst dann Festnahmen gemacht, als alles wieder vorbei war und die Leute teilweise schon 30 Kilometer von Genua entfernt waren.

So gab es auch Provokateure der Polizei: Es existieren Filmaufnahmen von Leuten, die ordentlich Scheiben eingeschlagen haben und danach zurück in die Polizeitruppe verschwunden sind und sich dann wieder ihre Polizei-Marken angehängt haben.

Netz-Info: Die Armando Diaz-Schule sollte in der Nach von Samstag auf Sonntag zum Ziel eines höchstumstrittenen Polizeieinsatzes werden. Was war mit dieser Schule?

Achim: Die Schule bestand aus zwei Gebäuden: einer Turnhalle als offiziellen Schlafraum für Demonstranten und dem unabhängigen Medienzentrum Indymedia. Die gesamte Schule umgab ein fünf Meter hoher Gitterzaun. Jetzt ist mir auch klar, warum die Schule gestürmt wurde: Man konnte nicht flüchten, dort hielten sich Leute von überall her auf, die Stürmung war für die Polizei einfach und sie konnten so ihren "Black Block" weiter konstruieren.

Netz-Info: Kein vielbesagter "Schwarzer Block" oder auch "Black Block"?

Achim: Das mit dem "Schwarzen Block" war ein absolutes Medienkonstrukt, den gab es gar nicht. In der Schule waren nur Demonstranten und Journalisten, die dann später auch was auf die Mütze bekommen haben. Das einzige, was bei der späteren Aktion beschlagnahmt wurde, war nur Werkzeug von Bauarbeitern der oberen Stockwerke: Hacken, Ziegelsteine, Vorschlaghammer, Schaufeln.

Netz-Info: In der Schule wurdest Du später von einer Sondereinheit der Polizei verhaftet. Wie kam das?

Achim: Ich habe gar nicht in der Schule geschlafen, sondern war zu dem Zeitpunkt nur da, um mir die Zähne zu putzen und nochmal ins Internet zu schauen. Schlafen wollten wir eigentlich in unserem Bus. Ich war also um halb Zwölf mit meinem Waschbeutel in der Schule, wollte mich gerade mit jemanden unterhalten und hörte dann auf einmal martialisches Polizeigeschrei. Draußen durchbrach ein Räumpanzer das massive Eisentor der Schule, was sich schon sehr bedrohlich anhörte. In der Schule ist gleich Panik ausgebrochen und die Leute versuchten, in das Treppenhaus zu flüchten.

Ich habe ein Baugerüst gesehen, auf das ich mich retten wollte. Doch das war nicht sonderlich gut abgesichert, so daß wir da eher die Befürchtung hatten, von dort heruntergeworfen zu werden. Die nächsten Toten hätte die Polizei sicher in Kauf genommen. So sind wir in den ersten Stock gegangen und haben uns mit erhobenen Händen hingestellt.

Von unten hörten wir nur Schläge und Geschrei. So schlugen sie auf schlafende Leute ein und so weiter. Das ganze war eine einzige Prügelorgie mit Blutbad. Ich habe sowas noch nie vorher gesehen - auch im Film nicht. Die haben den Tod der Leute in Kauf genommen: Da lagen Menschen in ihrer Blutlache und es wurde immer noch auf sie eingeschlagen. Sie schrien: "Das ist euer letztes Spiel!", "Wir bringen euch um!" und sowas. Die Polizisten hörten erst auf, als ein höheres Tier von denen den entsprechenden Befehl gab.

Netz-Info: Wurdest Du selbst auch geschlagen?

Achim: Ich habe Glück gehabt, weil nur ein Gummiknüppel auf mich niedergesaust ist und keine unerlaubten Waffen wie Eisenstangen. Die Polizisten schlugen mir auf den Arm, auf den Kopf, die Schulter und in die Nierengegend, wovon ich einige blaue Flecken und Beulen hatte.

Netz-Info: Aber Du standest schon vorher mit erhobenen Händen da?

Achim: Ja, alle Leute im ersten Stockwerk standen so da, um zu zeigen: Wir wollen keinen Widerstand leisten. Der Vorwurf, daß wir uns gewehrt hätten und die Polizei mit Taschenmessern angegriffen hätten, ist dementsprechend konstruiert. In dieser Situation hätte sich überhaupt niemand wehren können: Das wäre Selbstmord gewesen.

Netz-Info: Wurdest Du dann sofort abgeführt?

Achim: Nein, wir mußten uns auf den Boden legen, wo weiter auf uns eingeschlagen wurde. Vorne lagen Leute, die sich gar nicht mehr bewegt haben. Als wir einzeln die Treppe hinunter gehen mußte, stand da noch ein Polizist, der jedem mit einem großen Holzknüppel noch eins drauf gegeben hat mit dem Spruch "Für dich, du Bastard!". Davon hatte ich dann auch den größten blauen Fleck. Dieser Polizist war wohl einer der oberen, denn er war zwar vermummt und hatte einen Helm auf, trug aber einen Anzug.

Unten in der Turnhalle mußten wir uns wieder eine halbe Stunde auf den Boden legen, wo wir von überforderten Sanitätern verarztet wurden. Daraufhin nahm uns die Polizei die Pässe ab und wir wurden in die Polizeikaserne in Bolzaneto abtransportiert. Die glich eher einem Polizei-KZ.

Netz-Info: Habt Ihr in der Polizeikaserne den Grund für Eure Festnahmen erfahren?

Achim: Nein nein, da wurde uns überhaupt nichts gesagt. Es hat sich auch überhaupt niemand mehr zu fragen getraut. In der Polizeikaserne ging der nächste Terror los, der die Nacht und den ganzen nächsten Tag über noch angehalten hat. Wir wurden aus dem Polizeibus herausgeschrien und jeder bekam noch einen Schlag unter das Kinn. Danach mußten mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen an einer Wand stehen, wo dann einzelne befragt, beschimpft, angeschrien und wieder zusammengeschlagen wurden.

Innen in der Kaserne wurden uns die persönlichen Sachen abgenommen, unser Geld warfen sie in eine Ecke und einer Freundin von mir warfen sie ihren Schmuck in den Müll. In der Zelle mußten wir auch die ganze Nacht über an der Wand stehen und durften nicht aufs Klo.

Einem Mitgefangenen aus Berlin haben sie zusammengeschlagen, ihm Tränengas ins Gesicht gesprüht und er mußte sich danach ziemlich lange unter eine kalte Dusche stellen. Er bekam seine Kleider nicht wieder und mußte so die ganze Nacht nackt in der Zelle auf dem Steinboden verbringen. Die Zelle hatte nur Gitter auf beiden Seiten, so daß die Luft dort auch schweinekalt durchgezog. Einer Gefangenen hatten sie den Kiefer gebrochen und die Zähne ausgeschlagen, so daß sie gar nicht trinken konnte.

Tagsüber war die Polizei verhältnismäßig "milde", der Terror verlagerte sich hauptsächlich auf die Nacht. So weckten sie dann alle Leute mit Schlagstöcken an den Türen und mit Schreien auf. So wurden uns auch mitten in der zweiten Nacht Fingerabdrücke abgenommen, wir wurden x-mal gezählt und in andere Zellen umverlagert. Schlafen ließen sie uns nicht. Für mich war das einfach Folter.

Doch die Leute, die in der Schule schon ihr Fett abgekommen haben, bekamen mit einem Filzstift ein X auf die Backe gezeichnet und wurden dann nicht mehr so wie andere mißhandelt. So schlugen die Polizisten anderen Gefangenen mit den flachen Händen auf die Ohren, bis diese umkippten.

Netz-Info: Wann hast Du dann endlich Deinen Grund für die Festnahme erfahren?

Achim: Erst, als wir in das Gefängnis von Pavia verlegt wurden. Wir hatten keine Chance, Kontakt nach draußen zu bekommen. 76 Stunden nach der Aktion in der Schule wurden wir einem Haftrichter vorgeführt, konnten vorher aber mit keinem Anwalt sprechen. Der saß dann da mit einer Übersetzerin, die kaum Deutsch konnte und falsch übersetzt hat. Ich selbst kann ein bißchen italienisch sprechen. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte einen Benzin-Kanister mit Diesel im Auto gehabt, das sie nach der Aktion in der Schule wegen des Münchner Nummerschildes aufgebrochen hatten. Und nur dieses eine Wort hat die immer mit "Flasche" übersetzt. Und sie ließ zum Teil Verneinungen weg. Doch auch beim Haftrichter wurde mir nicht gesagt, was mir genau vorgeworfen wird - ich mußte mir das irgendwie zusammenreimen.

Netz-Info: Was war die erste Frage des Haft-richters?

Achim: Wie ich mich denn beschreiben würde. Für mich war die ganze Sache so absurd, daß ich diese Frage gar nicht so ernst nehmen konnte und einfach wütend war. Die Anwälte, die vor Ort waren konnten auch kein Deutsch und konnten vorher auch keinerlei Akteneinsicht nehmen. Von den Leuten aus der Schule war ich am Schluß der einzige, der noch im Gefängnis blieb. Aus welchen Gründen auch immer. Erklärt wurde einem nie etwas. So bekam ich meine italienische Anklageschrift auch erst, als ich von Pavia nach Genua verlegt wurde. Wir sollten zum Beispiel auch italienische Formulare unterschreiben, daß wir gut behandelt werden. Während dessen wurden wir mit einem Knüppel bedroht.

Netz-Info: Deutsche Journalisten berichteten von Moussolini- und Wehrmachts-Bildern an den Wänden in den Polizeistationen. Hast Du so etwas auch beobachtet?

Achim: Gesehen habe ich sowas nicht, aber dafür sangen die Polizisten ihre Liedchen von roten Fahnen mit dem Hakenkreuz drauf. Im Gefängnis von Genua lief nachts ein Wächter herum, der immer das Wort "Auschwitz" vor sich hinmurmelte. Ebenso hörte ich des öfteren ein deutsches "Heil Hitler".

Netz-Info: Hattest Du überhaupt noch die Hoffnung, rauszukommen?

Achim: Ich habe probiert, mich mit diesem Gedanken nicht zu beschäftigen. Ich fürchtete schon, daß die mich jetzt ein Jahr da behalten und so alles den Bach runter geht. Doch ich probierte, mir meinen Optimismus aufrecht zu erhalten.

Nach langer Zeit hatte ich dann irgendwann mal ein Telegramm von draußen bekommen, wo es hieß, daß sich Leute um mich kümmern.

Ich war eindeutig ein Politischer Gefangener. Denn die Beweise, die uns zur Last gelegt werden, sind eindeutig konstruiert. So legten sie uns Sachen in den Bus, die vorher gar nicht drin waren. Das ist einfach der Versuch, die Taten der Polizei im Nachhinein zu rechtfertigen.

Netz-Info: Dein zweiter Haftprüfungstermin nach drei Wochen lief aber schon glimpflicher ab?

Achim: Ja, inzwischen war da auch mein deutscher Anwalt angekommen und konnte für mich übersetzen. Diese Verhandlung fand in einem Gerichtssaal mit zwei Eisenkäfigen für Mafia-Prozesse statt und ich selbst wurde in Handschellen mit viel Polizei wie ein Schwerverbrecher aus einem Verließ im Keller dort hineingeführt. Oben rechts in der Ecke stand dann auch noch der Spruch "Vor dem Recht sind alle gleich".

Die Staatsanwältin meinte zu meinem Benzinkanister, daß Diesel laut Gutachten zwar nicht brennen und sich für die Herstellung von Molotow-Cocktails nicht eignen würde, aber: "Man weiß es ja nie!" Zum Verhängnis wurde mir dann auch noch ein Notizblock aus der Uni, den sie im Auto gefunden haben und der lauter mathematische Formeln von Thermodynamik oder so enthielt. Da sollen dann angeblich auch Zeichnungen von Molotow-Cocktails dringewesen sein. Wahrscheinlich haben sie die da selbst noch reingemalt oder sie meinten eine Skizze von einem Motorrad-Auspuff. Die Polizei drehte sich alles so zurecht, daß man den Glauben an den Rechtsstaat schon längst verloren hatte.

Netz-Info: Aber wurden Dir wenigstens konkrete Taten zur Last gelegt?

Achim: Nein, nein, es ging immer nur um diese hahnebüchenen Indizien, die sie hatten wie ein schwarzes Sweatshirt, das ich dabei hatte. Der allgemeine Anklagepunkt war wegen "Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung", was der Polizei einen sehr großen Ermessens- und Handlungsspielraum ermöglicht.

Netz-Info: Du wurdest schließlich über Umwege zum Brenner gefahren, aus Italien abgeschoben und konntest nach drei Wochen wieder nach München fahren. Kannst Du Deine Erlebnisse überhaupt verarbeiten?

Achim: Ja, das wird noch dauern. Am Anfang waren meine Freundin und ich noch in einer Trauma-Ambulanz der Uni-Klinik. Nach meiner Rückkehr war ich auch absolut schreckhaft und wie unter Strom - es brauchte nur etwas runterzufallen. Meine Freundin schläft noch absolut unruhig, doch mit dem Schlafen habe ich zum Glück keine Probleme. Hin und wieder träume ich nur absolut absurde Geschichten. Solche Erlebnisse brauchen einfach lange, bis man sie verdaut hat.

Netz-Info: Bist Du irgendwo jetzt ein anderer Mensch geworden?

Achim: Auf jeden Fall nachdenklicher. Aber auch wütender. Denn unsere Verfahren sind ja immer noch nicht eingestellt und es sitzen immer noch Leute im Gefängnis, mit denen ich mich angefreundet habe.

Netz-Info: Und wie geht es jetzt weiter?

Achim: Ich klage mit meinem deutschen und meinem italienischen Anwalt und versuche, einzelne Polizisten anhand von Filmmaterial zu identifizieren. Ebenso ist es wichtig, daß die Leute, die noch immer in Italien im Gefängnis sitzen, nicht vergessen werden. Es kümmern sich zwar einzelne Bundestagsabgeordnete um die letzten Inhaftierten, aber niemand von unseren Regierenden. Doch ich persönlich brauche die nächste Zeit für mich erstmal eine Pause.

Netz-Info: Wirst Du es Dir in Zukunft zweimal überlegen, wieder gegen einen Wirtschaftsgipfel zu protestieren? Oder denkst Du Dir, daß es nach Deinen Erlebnissen schon egal ist, ob man friedlich oder mit Gewalt protestiert, wenn man so oder so was auf die Mütze bekommt?

Achim: Momentan bin ich noch ein wenig verschreckt. Aber beim Grundsätzlichen habe ich meine Meinung zu den ganzen Thematiken nicht geändert. Und ich hoffe, daß das bei den anderen auch so ist. Ich selber will so weitermachen wie bisher. Ich habe nicht vor, mein friedliches Wesen jetzt gänzlich zu ändern. Aber trotzdem kann ich Gewalt gegen Gegenstände nachvollziehen und bin darauf bedacht, da keinen Trennstrich zwischen den einzelnen Protestformen zu ziehen.

Netz-Info: Was ist Dein Rat an Jugendliche, die zwar was gegen die Auswirkungen der Globalisierung haben, jetzt aber Angst haben, daß sie genau das selbe erleben können wie Du?

Achim: Ich rate jedem, gut aufzupassen und das ganze ernst zu nehmen. Wenn jemand soweit denkt, daß er überhaupt etwas tun will, sollte er sich auch nicht abschrecken lassen. Denn das ist das, was sie mit Genua erreichen wollten.

Spenden für Prozeßkosten: Ökumenisches Büro, Stichwort: Rechtshilfe Genua, Konto 56176258, BLZ 701 500 00, Stadtsparkasse München

Netz-Info, Herbst 2001
zurück