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Europa ist mehr als der Euro

Herausforderung und Chance für Christen und Kirchen

von Wieland Zademach

Europa ist schwanger! Europa geht sogar doppelt schwanger: mit den Zwillingen Angst und Hoffnung, die sich in ihrem Leibe streiten. Mit diesem Bild hat Pfarrerin Elisabeth Parmentier aus Straßburg bei der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung 1997 in Graz ebenso anschaulich wie treffend die Situation zum Ende dieses Jahrtausends umschrieben. Wie werden sie sich am Beginn des neuen Jahrhunderts in den vor uns liegenden Jahren entwickeln - die heranwachsenden Zwillingskinder Angst und Hoffnung?

Die wende in Osteuropa von 1989/90 in den der Konsequenz von "Glasnost und Perestroika" eines Michael Gorbatschow nährte die Vision von einer Versöhnung zwischen Ost und West, von dem Ausbau eines friedlichen Europa in einer blühenden Völkergemeinschaft; von einem Europa, das als Modell gelten sollte für eine neue Weltordnung insgesamt. In diesem Sinne wurde im November 1990 in Paris die Europäische Charta einer gemeinsamen Wirtschaft- und Sozialordnung von fad allen Staaten Europas unterzeichnet: Das Ende des Ost-West-Konflikts war besiegelt.

Die anfängliche Euphorie ist inzwischen einer tiefen Ernüchterung gewichen; für viele ist die Vorstellung eines "Gemeinsamen Hauses Europa" zur Horrorvision geworden. Der weitgehende Wegfall der Grenzen hat zum Beginn einer riesigen Völkerwanderung geführt. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen West und Ost wirkt sich verheerend aus: Wird das arme Osteuropa zum Hinterhof des reichen Westeuropa? Wird Europa insgesamt zur Festung gegen die sogenannte "Dritte Welt"? Wird unter dem Zwang der technischen Entwicklung die kulturelle Vielfalt nicht ein Opfer marktbeherrschender Medienimperien? Der Fragenkatalog ließe sich beliebig verlängern ...

In der Folge und als Ergebnis der Erörterungen von Graz 1997 haben die Kirchen Europas im Frühjahr des Jahres 2001 die "Charta oecumenica" verabschiedet (das NETZ-Info brachte den ganzen Text!) und sich darin geeinigt auf "Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit der Kirchen in Europa". Auf dem Hintergrund und im Zuge dieser Entwicklung will ich in einer Situationsanalyse mit historischer Tiefendimension versuchen, hoffnungsvolle Perspektiven zu entwickeln. Realistische Skepsis mag dabei hilfreich sein, damit unbegründete und deshalb allzu leicht enttäuschte Hoffnung nicht umschlägt in lähmende Zukunftsangst.

1. Ist Europa Markt oder Haus? Auf dem Markt macht man Geschäfte, im Haus wohnt man.

Die westliche Europavorstellung ist nahezu vollständig von wirtschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt. Auch die Politik in Westeuropa ist weitgehend zum Instrument wirtschaftlicher Perspektiven geworden. das Bild des Marktes beherrscht die Vorstellung von Europa: Auf dem Markt kauft und verkauft man.

Im Haus lebt und wohnt man. Das gemeinsame Haus ist eine Vorstellung, die ihren Schwerpunkt nicht im Ökonomischen hat, aber es ist auch keine un- oder gar antiökonomische Vorstellung. Immerhin war das Haus als "oikos" die ökonomische Rahmenvorstellung bis ins späte Mittelalter, ja bis in die Reformationzeiten hinein. Der schritt von der alten Hauswirtschaft zur Marktwirtschaft markiert - zusammen mit der industriellen Revolution - letztendlich jene ökonomische Entwicklung, deren Folgten heute weltweit zu sehen sind.

In der Spannung von Markt und Haus weckt das gemeinsame Europa Erwartungen auf neuen Beziehungen, auf Kommunikation, vielleicht sogar auf wechselseitige Hilfeleistung. Es geht also nicht nur um die naheliegenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen des Überlebens. Das Bild von europäischen Haus steht für eine neue Qualität des Lebens.

2. Zum europäischen Erbe gehört nicht nur die Französische Revolution mit den Freiheitsrechten des Individuums, sondern auch die Russische Oktoberrevolution mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit. Angesichts der ökologischen Gegenwartprobleme stoßen die Ideale von Liberalismus und Sozialismus aber an ihre Grenzen.

Auch die westeuropäische Europaidee war ursprünglich dem Willen zur Versöhnung entsprungen. Die Idee der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland spielte eine bedeutende Rolle im Denken etwa Robert Schumans und Konrad Adenauers. Heute soll das gemeinsame Haus Europa vor allem die Versöhnung zwischen Ost und West befördern.

Das neuzeitliche Europa lebt nicht nur von den Französischen Revolution: 1789 steht für bürgerliche Freiheitsrechte. Auch die Russische Revolution von 1917 gehört zum Erbe der europäischen Aufklärung: ihre Wurzeln liegen ebenfalls in Europa, nicht etwa in Asien. Und die Oktoberrevolution steht - trotz aller späteren Deformationen im Stalinismus und Kommunismus - für die Idee der sozialen Gerechtigkeit.

Versöhnung zwischen Ost und West bedeutet also auch, daß das gemeinsame Haus Europa es wird leisten müssen, diese beiden Ursprungsimpulse des neuzeitlichen Europa wieder zusammenzubringen: die individuelle bürgerliche Freiheit und die soziale Gerechtigkeit. In der östlichen Hälfte Europas wird derzeit der Versuch unternommen, die Dimension der Freiheit, des Marktes, der individuellen Menschenrecht wiederzugewinnen. Hingegen ist nach Meinung vieler Westeuropa gegenwärtig dabei , den Gedanken des sozialen Ausgleichs auf dem Altar einer totalen Marktwirtschaft zu opfern.

Am Beginn unserer Gesellschaftsordnung steht der Versuch, diese beiden Grundimpulse als gleichberechtigte Zielsetzungen, als gleichgewichtige Wertorientierungen zusammenzuhalten. Nach dem Bonner Grundgesetz ist jedem der klassischen -Freiheitsrechte ein Sozialrecht zugeordnet: dem recht auf >Privateigentum etwa diesen Sozialpflichtigkeit usw.

Aus ökologischer Sicht stoßen Liberalismus und Sozialismus heute allerdings zunehmend an ihre Grenzen. Denn auch in Negativen sind sie die Kehrseiten ein und derselben Medaille: Das Subjekt-ObjektVerhalten gegenüber der Natur führt zunehmend zur Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen.

Zur Lösung der Überlebensfragen der Gegenwart erscheint eine neue ganzheitliche Sichtweise und Qwel6torientierung nötig: ohne die Sicherung der natürlichen Lebenwgrundlagen gibt es weder Freiheit noch soziale Gerechtigkeit. Beide werden verspielt im Verteilungskampf angesichts der erreichten Grenzen des Wachstums.

3. Von außen gesehen, erscheint Europa als Einheit: Diese weckt Hoffnungen aber auch Befürchtungen - nach den vielen Enttäuschungen mit Europa in der Vergangenheit.

Von außen betrachtet erscheint Europa seit langem viel mehr als einen Einheit denn in der Selbstwahrnmehmung der Europäerinnen und Europäer. Auch die tiefen Untersch9iede der ideologie und des gesellschaftlichpolitischen Systems, die Oist-ö und Westeuropa voneinander trennten, verlieren aus der Sicher anderer Weltregionen ihre Trennschärfe. Dcie Gemeinsamkeiten der geschichtlichkulturellen Prägung reichen tiefer als die 40 Jahre ideologischer und politischer Spaltung in Europa.

In ihren Auswirkungen war letztlich auch die Politik der sozialistischen Lkänder im Oiste auf die Länder im Süder der Weltkugel nicht so verschieden von der Polt9k der westlichen Länder. Nahezu alle Regionen der Welt haben sich in ihrer Entwicklung nach dem Endes Zweiten Weltkriegs entweder an den liberalen Idealen des westlichen Teils Europas - und der USA als Europas Verlängerung - oder an den sozialen Idealen des östlichen Teils Europas orientiert. Und beinahe alle Teile der Welt sind in ihren Hoffnungen und Erwartungen, was ihre Vorbilder im Osten oder Westen angeht, bitter enttäuscht worden. Sie reagieren daher auf die Vorstellungen vom gemeinsamen Haus Europa nicht unbefangen, sondern mit durchaus zwiespältigen Gefühlen. Von außen gesehen kann diese Vision eines Gesamteuropa sowohl eine positive und befreiende als auch eine erschreckende und beängstigende Vorstellung sein. Als Europäerinnen und Europäer müssen wir lernen, mit solchen ambivalenten Einschätzungen und Reaktionen sehr sensibel umzugehen.

4. Die heutige Globalisierung begann im Gefolge der von der europäischen Wirtschaft gesponserten Entdeckungen des Kolumbus. Die europäische Vorherrschaft überdauerte den Ost-West-Gegensatz und drückt sich aus im Nord-Süd-Gefälle.

Europa hat sein Selbstbewußtsein und seine Identität im Zuge verschiedener Expansionen und Vorstöße in andere Weltregionen entwickelt. Die europäische Freiheitsgeschichte ist leider zugleich die Geschichte der Unfreiheit und Unterdrückung anderer Erdteile. Diese Geschichte der Expansion beginnt im Mittelalter mit den Kreuzzügen, setzt sich fort in der Eroberung Lateinamerikas und schließlich in der Kolonisation Afrikas und Asiens im 19. Jahrhundert. Alle diese Regionen sind bis heute gezeichnet von der unfreiwilligen Begegnung mit Europa.

Als Kolumbus 1492 den Hafen von Sevilla verließ, da begann eine Eroberung der Welt zum Nutzen und zum Vorteil des Nordens. Im Kielwasser der "Santa Maria" des Kolumbus hat die europäische Wirtschaft quasi die Erde umrundet. Und diese Umgestaltung der ganzen Welt zu einer einzigen Wirtschaftsarena kam 1989 mit dem Fall der Mauer in Berlin zu ihrer bisherigen Vollendung - Die Globalisierung ist perfekt, die Welt ist endgültig ein "global village". Die Eroberung Amerikas ab 1492 markiert den Beginn der neuzeitlichen Geschichte als einer von Europa bestimmten Weltgeschichte. Der Raubmord an den Völkern Amerikas, Afrikas und Asiens begründet die seitdem andauernde ökonomische und politische Vorherrschaft Europas.

Der Ost-West-Gegensatz hat lange Zeit die internationalen Beziehungen geprägt. Alle anderen Probleme schienen zu verblassen angesichts der nuklearen Konfrontation in Europa. Da eine direkte militärische Auseinandersetzung im "europäischen Theater" für alle Akteure lebensgefährlich gewesen wäre, wurden sie ausgelagert in andere Weltregionen: nach Südostasien, nach Zentralamerika, in das südliche Afrika. Nicht in alle diese "Stellvertreterkriege" sind die europäischen Staaten unmittelbar hineingezogen worden, aber an ihnen allen hat Europa in Ost und West gut verdient. Die Verantwortung dafür ist noch nicht zu Ende.

Aus der Sicht der anderen Weltregionen ist Europa der Norden. Im Nord-Süd-Konflikt und bei den Bemühungen um eine neue Weltwirtschaftsordnung spielt Europa eine durchaus zweideutige Rolle. Wird die Ausweitung des westeuropäischen Marktes nach Osten wichtiger als die Bewältigung der Folgen von 40 Jahren weitgehend fehlgeleiteter Entwicklungspolitik im Süden?

5. Europa wird heute eingeholt von seiner eigenen Wirkungsgeschichte: Die Explikation Europas hinaus in die Welt kehrt sich um in die Implikation der Welt hinein nach Europa.

Es gibt einen entscheidenden Testfall für die weltweit ambivalente Reaktion auf die Vorstellung vom gemeinsamen Haus Europa, in dem sich alle Aspekte wie in einem Prisma verdichten. Wie wird innerhalb Europas die Verhältnis von Zentrum und Peripherie, von Reichen und Armen, von hochentwickelten und vorindustriellen Ländern geregelt? Wie geht Europa mit Asylsuchenden, mit Flüchtlingen und Emigranten um? Dabei geht es einmal um die Machtverteilung innerhalb des europäischen Hauses selbst, im anderen Fall um die Offenheit der Türen dieses Hauses nach außen. Beides sind Fragen nach der Hausordnung und ihren leitenden Prinzipien. Geht es um die Konsolidierung von Macht und Marktanteilen, um die Verteidigung von Standortvorteilen im weltweiten Konkurrenzkampf? Oder geht es - zumindest auch! - um die Förderung der Vielfalt von Kulturen, die Fähigkeit des Dialogs zwischen Religionen und Weltanschauungen und um die Bereitschaft, miteinander zu teilen?

Jahrhundertelang währte eine "Exxplikation" Europas in die Welt. Nun kehrt diese sich um in die "Implikation" der Welt nach Europa. Der Marsch des Südens hin zu Morden hat begonnen. Europa wird eingeholt von seiner eigenen Wirkungsgeschichte. Wird es diese Herausforderung als Chance begreifen und annehmen? Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Solange Politiker die zu uns hereindrängenden Opfer eines vom Westen mit zu verantwortenden Weltwirtschaftssystems als Wohlstandschmarotzer diskriminieren, anstatt in politischer Bildungsarbeit über die Ursachen dieser Völkerwanderung aufzuklären, deren Beginn wir jetzt erleben. Solange werden wir mit Asylrechtsänderungen etc. Lediglich an Symptomen herumpfuschen und Katastrophen wie in Rostock und Hoyerswerda, in Immenstadt und Lübeck und viele ahndete Ausbrüche von Fremdenhaß provozieren und mitproduzieren.

Im Sinne des konziliaren Prozesses von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist die Problematik einer gerechten Weltwirtschaftsordnung längst zum "status confessionis" geworden: unser Christsein steht auf dem Spiel mit dem Einsatz für die Herstellung sozialer Gerechtigkeit.

6. "Jedes Nachdenken über die Zukunft Europas muß mit einer Reflexion über die europäische Vergangenheit beginnen."

Der Bezugsrahmen kirchlichen Denkens und Handelns - UN dies gilt für jede Konfession - kann in Zukunft nur gesamteuropäisch sein. Und er muß sich ökumenisch orientieren. Dabei wird am Anfang des Nachdenkens über den Beitrag der Kirchen zu einem gemeinsamen Haus Europa wohl das Eingeständnis stehen, daß die europäischen Kirchen in ihrer Geschichte Einheit und Gemeinschaft nicht gerade gefördert haben. Die ideologischen Mauern im Europa der Nachkriegszeit haben ihre tiefen Wurzeln in den konfessionellen Mauern, welche das europäische Haus seit nunmehr bald 1000 Jahren zerteilen. Der Gedanke der Toleranz und der Religionsfreiheit hat sich in Europa zögernder durchgesetzt als in anderen Regionen der Welt. Und das Prinzip der geschlossenen Türen, der klaren Grenzziehungen zwischen innen und außen ist ein immer noch wohlbekanntes europäisches Prinzip. Dabei konnte das Kriterium der Abgrenzung sich durchaus wandeln: zwischen westlicher und östlicher Tradition, zwischen katholischem und protestantischem Europa, zwischen konservativ-kontinentalem und dem liberal-angelsächsischen Europa, zwischen dem freien christlichen und dem totalitären kommunistischen Europa.

In allen Fällen galt und gilt das Prinzip Abgrenzung statt Offenheit, Geschlossenheit statt Pluralität, Bewahrung statt Erneuerung. Auch nach mehr als 80 Jahren ökumenischer Bewegung kann man wohl nicht sagen, daß dieser Geist der Trennung wirklich überwunden sei. Aus solcher Einsicht heraus betont das Schlußdokument der 1. Europäischen Ökumenischen Versammlung von Basel 1989, daß "jedes Nachdenken über die Zukunft Europas mit einer Reflexion über die europäische Vergangenheit beginnen" muß. Ebenso wichtig ist allerdings auch eine realistische Einschätzung der Gegenwart.

7. Sind die Kirchen bereit, als eine Gemeinschaft unter anderen Gemeinschaften im europäischen Haus zu leben, ohne die Ausrichtung der Hausordnung nach ihren Vorstellungen bestimmen und dominieren zu wollen? Werden sie darüber hinaus die soziale Verpflichtung evangelischer Freiheit energisch einfordern?

Das christliche Europa gibt es nicht mehr, wenn es denn je existiert haben sollte. Der Prozeß der Säkularisierung hat Europa in West und Ost unwiderruflich verändert. Die Kirchen haben ihren öffentlichen Einfluß weitgehend verloren. Praktizierende Christen - gleich welcher Konfession - sind in Europa zu einer Minderheit geworden. Nicht einmal klar umrissene religiöse, weltanschauliche und ideologische Minderheiten gibt es mehr im heutigen Europa: Es gibt eine Pluralität von Minderheiten.

Es gab schon einmal eine Zeit in Europa - vor der Entstehung der Nationalstaaten -, wo diese Pluralität der Kulturen, die Vielfalt in der Einheit, ein Grundcharakteristikum, ja in gewisser Weise das Charisma Europas war. Allerdings wurde diese Vielfalt in der Einheit oft genug gestört durch den Herrschaftsanspruch der Kirchen. Die gemeinsame Klammer nahezu aller kulturellen Entwürfe im Europa der beginnenden Neuzeit war das Christentum bzw. ein Rahmen von religiös begründeten Werten - dieser blieb erhalten trotz der konfessionellen Aufsplitterung der Christenheit in ein Vielzahl von Kirchen und Denominationen.

Das Europa des gemeinsamen Hauses wird lernen müssen, mit pluraler Vielfalt von Lebensentwürfen zu leben und mit der Notwendigkeit, einen gemeinsamen Wertrahmen immer wieder neu plausibel zu machen. Die Helsinki-Schlußakte war ein solcher Versuch der Begründung einer gemeinsamen europäischen Wertordnung - darin liegt ihre entscheidende Bedeutung auch für die Konstruktion eines gemeinsamen europäischen Hauses. Die Nachfolgekonferenzen, insbesondere die vom November 1990 in Paris, Haben den Anspruch bekräftigt, das Koexistenzdenken verschiedener Weltanschauungen und Gesellschaft weiterzuentwickeln in Richtung auf ein gemeinsames demokratisches Europa auf der Grundlage einer sozialen Marktwirtschaft.

In dieser pluralen Vielfalt von Lebensentwürfen - auf der Grundlage der allgemeinen Menschenrechte - liegt eine entscheidende Herausforderung an unsere Kirchen. Sind sie bereit, als eine Gemeinschaft unter anderen Gemeinschaften in diesem Haus zu leben, ohne die Ausrichtung der Hausordnung nach ihren Vorstellungen bestimmen und dominieren zu wollen und zu können? In der Reformationszeit hatte die evangelische Freiheit dazu beigetragen, daß das mittelalterliche "corpus christianum" mit seiner trügerischen Einheit von Reich und Kirche und mit seinem starken Klerikalismus beendet wurde. Heute geht es darum, die pluralistische Gesellschaft mit ihren Grundwerten wie Religions- und Gewissensfreiheit und ihrem weltanschaulich neutralen Staat nicht nur prinzipiell zu akzeptieren, sondern als Bedingung, ja auch als Folge christlicher Freiheit vollinhaltlich und vorbehaltlos zu bejahen. Darüber hinaus gilt es, die soziale Verpflichtung evangelischer Freiheit deutlich zu machen: eine "freie" Marktwirtschaft etwa, welche die sozialen und ökologischen Konsequenzen mißachtet, zerstört die Freiheits- und Lebensgeschichte heutiger wie auch künftiger Generationen.

8. Gefragt ist ein weltweiter konziliarer Prozeß der Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen, die sich einigen auf einen "universalen ethischen Katechismus für das 21. Jahrhundert". Nur so öffnen wir die christliche Ökumene hin zur "Schöpfungsökumene" aller Menschen guten Willens.

Ähnlich wie in der Reformationszeit ist auch heute Umkehr nötig als Voraussetzung eines neuen Handelns. Dieses umdenkende Umsteuern betrifft "nicht nur Christen, sondern alle Menschen, die erkennen, daß unsere bisherige Preis, Gerechtigkeit zu verweigern, Frieden zu sichern oder die Natur zu mißbrauchen, zukunftslos für die Menschen und gnadenlos für die Schöpfung ist" (J. Garstecki).

Die Dringlichkeit der Sache gebietet es dabei, die christliche Glaubenserkenntnis zu "übersetzen" in vernünftige, säkulare Argumente, sie zu "entäußern" in menschliche Überlebensvernunft. Dieser Vorgang macht es möglich, die spezifisch christliche Spiritualität in die Sprache säkularer Vernunft zu übertragen, ohne sie zu verändern. Feindesliebe und Gewaltfreiheit suchen in diesem Übersetzungsvorgang nach ihren "säkularen Zwillingsschwestern" Vertrauensbildung und Abrüstung. Es kann nicht darum gehen, die Wege der politischen Vernunft als verkehrt oder entfremdet aus unserem Denken und Handeln zu streichen; es muß vielmehr darum gehen, sie von Glauben, Hoffnung und Liebe her neu zu betreten. Nur so öffnen wir die christliche Ökumene hin zur "Schöpfungsökumene" aller Menschen. Gefragt ist ein weltweiter konziliarer Prozeß aller Konfessionen und Religionen und Weltanschauungen, die sich einigen auf einen "universalen ethischen Katechismus für das 21. Jahrhundert (Kyrill von Smolensk). Hier bieten sich für die Kirchen Europas Aufgaben und Chancen zur Genüge.

9. Bei einer "Evangelisierung" Europas darf es nicht um das Wohl und die Sorge für eigene Kirchentümer gehen, sondern allein um das Zeugnis von Gottes Liebe für eine zerrissene Welt.

Und da stehen die Folgen von 1492 bis heute - nun aber unabweisbar - auf der ökumenischen Tagesordnung: Abhängigkeit, Verarmung, Verschuldung. Die seit über 500 Jahren andauernde Unterdrückung der Zweidrittelwelt nennt der Ökumenische Rat der Kirchen einen theologisch zu qualifizierenden "Kairos", eine Chance zu Buße und entschiedenem Handeln. Ökumenisch gesehen sind die Kirchen des Nordens nur Provinz der weltweiten Christenheit, ökonomisch aber das Neutrum. Diese in sich widersprüchliche kirchlichpolitischen Ortsangabe spiegelt das Umfeld wider, in dem kirchlich-sozialethisches Urteilen über ökonomische Zusammenhänge heute zu verantworten ist. Die Zeit scheint reif dafür, daß endlich überall begriffen wird, daß der christliche Glaube mit keinem Gesellschaftsystem verbunden ist, sondern in jede Gesellschaft hinein einen unvertretbaren und unersetzlichen Auftrag zur Versöhnung hat.

Das auch heute nicht zu verlierende Erbe sozialistischer Optionen liegt in der steten Erinnerung daran, daß es weder Freiheit noch Menschenrechte geben kann, wenn nicht eine gerechte materielle gesellschaftliche Grundlage vorhanden ist oder errichtet wird.

Christliches Engagement in Europa kann nicht die Wiederherstellung früherer Verhältnisse, etwa eines "christlichen Abendlandes" oder von Machtpositionen der Kirche, beabsichtigen. Bei einer "Evangelisierung" Europas darf es nicht um das Wohl und die Sorge für eigene Kirchentümer gehen, sondern allein um das Zeugnis von Gottes liebendem Mitleiden für dieses heutige Europa mit alle seinen Wunden und Verletzungen.

10. Fundamentalismus und Konfessionalismus sind keine Alternativen zu Toleranz und Pluralismus. Angst und Hoffnung im schwangeren Europa müssen nicht gegeneinander streiten - sie können ein kreatives Bündnis miteinander eingehen.

Das gemeinsame christliche Erbe vor den Spaltungen der Christenheit verpflichtet zur Ökumene. Deshalb müssen die historischen Spaltungen in Ost- und Westkirchen überwunden werden. Es geht um die Einheit in der bereichernden Vielfalt der verschiedenen Kirchentümer und Glaubenstraditionen. Nötig ist aber auch die überfällige Herausbildung entsprechender praktischer Strukturen, um als Kirchen in Europa gemeinsam auftreten zu können.

Die Realität einer multikulturellen Gesellschaft zwingt zum konstruktiven Dialog der Religionen und Weltanschauungen miteinander. Es gibt keinen Weltfrieden ohne Religionsfrieden, keinen Religionsfrieden ohne Dialog der Religionen. Gegenüber dem politischen Einigungsprozeß Europas sind die Kirchen im Rückstand, der kirchliche "KSZE-Prozeß" steht noch am Anfang. Vor der Wende in Osteuropa standen sich politisch gesehen zwei Blöcke gegenüber. Nach der Wende stehen sich kirchlich gesehen drei Blöcke gegenüber: Katholizismus, Protestantismus und Orthodoxe, Fundamentalismus und Konfessionalismus machen sich breit. Dabei ginge es darum, Toleranz und Pluralismus als die unverzichtbaren Errungenschaften der Aufklärung hinüberzuretten in das Zeitalter der Postmoderene - sonst wird das Christentum zur Sekte.

Die Wende in Osteuropa wurde überkonfessionell vorbereitet. Passiver Widerstand und aktive Überwindung des Totalitarismus geschahen ökumenisch. Eine ökumenische Bekehrung erscheint notwendig. "Komm herüber und hilf uns!" - dieser Ruf aus Europa erging an d Apostel, die sich untereinander und in ihrem Herrn eins wußten. Wenn die Kirchen Europas dieses Vermächtnis einlösen, dann müssen Angst und Hoffnung im schwangeren Europa nicht gegeneinander streiten - dann könne sie ein kreatives Bündnis eingehen: zur Bewahrung von Gottes Schöpfung als einer >Heimat für alle, die ihr Leben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit miteinander teilen wollen.

Schlußbemerkung:

In der "charta oecumenica" verpflichten sich die Kirchen, einzutreten für Versöhnung, Solidarität und Gerechtigkeit in einem Europa als Lebensraum und Heimat für alle Menschen guten Willens. Auf der Basis jüdisch-christlicher Wertetradition wollen sie sich für soziale Gerechtigkeit unter ökologisch verträglichen Bedingungen einsetzen und dazu den Dialog zwischen allen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen fördern. In der Wahrnehmung ihrer Verantwortung nicht nur für das Heil, sondern auch für das irdische wohl der Menschen in ihrer kreatürlichen Umwelt zeichnen die Kirchen hier das Bild von einem "Haus Europa" mit dem Prinzip einer versöhnten Verschiedenheit als Hausordnung.

Diese "charta oecumenica" stellt den bisher umfassendsten Versuch dar, sich den Herausforderungen der Einen Welt in ihrem europäischen Kontext zu stellen. Ökumene des Leibes Christi als Gestaltungskraft in der Globalisierung: so kann und muß der Schöpfungsauftrag der "gubernatio mundi" heutig werden, um einer zerrissenen Welt Gottes Liebe zu bezeugen.

Wieland Zademach

Netz-Info, Winter 2001
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